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Was bedeutet KI für sprachliche Qualität?

KI stellt Unternehmen, Sprachprofis und den Berufsnachwuchs vor neue Fragen. Was bedeutet KI konkret für den Übersetzungsberuf, für sprachliche Qualität und für den gesellschaftlichen Umgang mit Sprache?

Marco Appel Syntax Übersetzungen AG und Prof. Dr. Anne Lehrndorfer SDI München im Interview 2

In einer Interview-Serie sprechen Prof. Dr. Anne Lehrndorfer, Professorin für Technische Kommunikation am SDI München, und Marco Appel, Head of Key Account Management & Business Development bei Syntax Übersetzungen AG, über drei zentrale Themen: warum der Übersetzungsberuf trotz KI relevant bleibt, wie sich die sprachliche Qualität von KI-Inhalten beurteilen lässt und was KI für Sprache im gesellschaftlichen und kulturellen Kontext bedeutet.

Dass die beiden nicht nur fachlich, sondern auch biografisch verbunden sind, macht das Gespräch zusätzlich besonders: Marco Appel hat seinen Bachelor am SDI München absolviert, Prof. Dr. Anne Lehrndorfer war seine Dozentin und betreute seine Bachelorarbeit mit.


Eine wichtige Frage vorab: Wie misst man überhaupt Übersetzungsqualität?

Marco Appel:

Das ist eine gute Frage. In der Wissenschaft gibt es zahlreiche Publikationen, die sich genau damit befassen. In der Praxis zeigt sich: Gute Übersetzungsqualität hängt massgeblich von drei Faktoren ab. Erstens ist es wichtig, dass muttersprachliche Fachpersonen am Text arbeiten. Zweitens müssen sie fundiertes Expertenwissen im Fachgebiet mitbringen. Und drittens müssen sie genau wissen, an wen sich die Botschaft richtet, in welchem Kontext sie ausgespielt wird und welchem Zweck die Übersetzung schlussendlich dient.

Bei Syntax setzen wir deshalb ausschliesslich muttersprachliche Fachpersonen ein, die nicht nur alle Feinheiten und Facetten der Sprache verstehen, sondern fundierte Kenntnisse im entsprechenden Fachgebiet mitbringen. Und obwohl der Zweck einer Übersetzung oft klar scheint, ist der direkte Austausch vor Projektbeginn immer sinnvoll. Deshalb ermöglichen wir bei Syntax den direkten Kontakt zwischen Sprachprofis und Auftraggeberinnen und Auftraggebern.

Prof. Dr. Anne Lehrndorfer:

Ich würde den drei Punkten noch einen vierten hinzufügen: Nämlich, dass die Übersetzung massgeblich mit der Qualität des Ausgangstextes zusammenhängt. Ist der Ausgangstext schlecht und unklar, kann die Übersetzung nicht gut und präzise sein. Damit ist jede Person, die etwas schreibt, das übersetzt werden soll – ob mit KI oder durch den Menschen –, für die Qualität der Übersetzung mitverantwortlich.


Wer bestimmt, was als gute Übersetzung gilt?

Prof. Dr. Anne Lehrndorfer:

Die Übersetzungsqualität bestimmt letztlich die Auftraggeberin oder der Auftraggeber. An den vielen schlechten Texten, die wir im Alltag lesen müssen, erkennt man: Hier musste es schnell gehen und billig sein. Doch wann ist ein Text gut? Häufig können entscheidende inhaltliche und sprachliche Feinheiten von der Auftraggeberin oder vom Auftraggeber selbst nicht bewertet werden. Es wird daher eher darauf geachtet, was eine Übersetzung kostet, und nicht, welche Folgen eine schlechte Übersetzung haben kann. Interessant ist, dass die Problematik der Evaluierung von Übersetzungsqualität sogar einen eigenen Forschungszweig hervorgebracht hat.


Was sind die Folgen von schlechter Übersetzungsqualität?

Prof. Dr. Anne Lehrndorfer:

Die Effekte sind unterschiedlich abstrakt: Konkret verliert man bei schlechten Texten die Leserinnen und Leser und somit die Kundschaft. Das ist umso fataler, weil wir ein wichtiges Kommunikationsmedium verlieren, wenn allgemein die Lust am Lesen sinkt. Abstrakt verliert man Image, Marktanteile und Marktanschluss.

Marco Appel:

Eine schlechte Übersetzung hat viele Auswirkungen: Der Text ist schlecht lesbar, wirkt generisch oder oberflächlich. Das kann gerade im B2B-Kontext zu einem Reputationsschaden führen, denn Kommunikation entscheidet über den Ruf eines Unternehmens. Das gilt auch für die interne Kommunikation, zum Beispiel bei Unternehmen, die nicht nur in der Deutschschweiz, sondern auch im Tessin oder in der Romandie Menschen beschäftigen und Filialen und Werke haben.


Warum liefert KI gute oder schlechte Qualität bei Übersetzungen?

Marco Appel:

KI ist trügerisch, denn ihre Formulierungen sind auf den ersten Blick oft überzeugend. Sie liefert jedoch Halluzinationen, verkürzt und verfälscht Inhalte, lässt Fehler stehen, lässt Inhalte weg und gewichtet Dinge, zum Beispiel durch den Geschlechter-Bias. Das führt zu impliziten Aussagen und falschen Interpretationen.

Es ist wichtig, sich zu erinnern, dass KI eine Maschine ist, keine Muttersprachlerin und keine Fachexpertin. Dennoch kann sie solide Ergebnisse liefern, diese müssen aber immer sehr genau überprüft und hinterfragt werden. Denn eine muttersprachliche Fachperson mit Nischenexpertise kann die KI nicht ersetzen. Ausserdem ist Übersetzen nie nur ein Sprach-, sondern immer auch ein Kulturtransfer. Und so viel KI über Kultur auch wissen mag: Die feinen Nuancen, die bei einer Botschaft den grossen Unterschied machen, kann sie nicht verstehen.

Prof. Dr. Anne Lehrndorfer:

Die Qualitätsgleichung lautet auch bei KI, wie zuvor bei Translation-Memory-Systemen: Menge der vorhandenen Trainingsdaten plus Qualität des Inputs gleich Qualität des Outputs. Bei weltweit verbreiteten Sprachen gibt es viele Trainingsdaten und viel «Traffic», der allerdings derzeit kaum kuratiert wird. Der reine Konsum macht KI gefährlich.

Unsere SDI-Studie prognostiziert, dass die Text- und Übersetzungsqualität durch KI insgesamt sinken wird. Damit einhergehend werden – wegen der steigenden Textmengen, die weltweit mehrsprachig zur Verfügung stehen – auch die Ansprüche an die Text- und Übersetzungsqualität in vielen Bereichen sinken. Das ist ein Teufelskreis, der auf die Qualität von Inhalten einwirkt: KI vereinheitlicht langsam, aber stetig sprachliche Strukturen. Das führt zu einer Überrepräsentation einer vereinheitlichten, vereinfachten Text- und Denkwelt. Auf politischer Ebene könnte dies zum Beispiel dramatische Folgen haben.

Marco Appel:

KI und Qualität im Sprachbereich sind also nicht nur aus unternehmerischer Sicht wichtig. Sprache prägt unser Denken weitgehend, und der Verlust ihrer Tiefe und Komplexität bedeutet weit mehr, als wir auf den ersten Blick erkennen mögen.



Über Prof. Dr. Anne Lehrndorfer
Prof. Dr. Anne Lehrndorfer ist Professorin für Technische Kommunikation an der Internationalen Hochschule SDI München und verantwortet den BA Übersetzen. Mit ihrem Hintergrund in Psycholinguistik, Psychologie und Computerlinguistik beschäftigt sie sich seit vielen Jahren in Theorie und Praxis mit der Frage, wie Informationsfluss gelingt – und warum er scheitert. Neben Lehre und Beratung führt sie qualitative und quantitative Studien zu Verbleib und Employability im Bereich Translation und zu den sich ändernden Berufsprofilen, aktuell zu den Effekten von KI auf dem Arbeitsmarkt, durch.

Über das SDI München
Das SDI München und die staatlich anerkannte Internationale Hochschule SDI München stehen für Praxisnähe in Ausbildung und Studium, für persönliche Betreuung und ein internationales Lernumfeld. Der Fokus liegt auf Sprachmittlerberufen und KI, interkultureller Kommunikation sowie Medien und Wirtschaft. Weitere Informationen finden Sie unter: www.sdi-muenchen.de/home

Über Marco Appel
Marco Appel ist Head of Key Account Management & Business Development bei Syntax. Er bildet die Schnittstelle zwischen Sprachpraxis und betriebswirtschaftlichem Verständnis. Nach seiner Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondent und dem Übersetzerstudium am SDI München war er zunächst als Dolmetscher und Übersetzer tätig, bevor er Sprach- und Übersetzungsprojekte mit Blick auf den Einsatz von KI und Übersetzungstechnologien betreute. Seit 2023 ist er für das Business Development verantwortlich und ergänzte seinen sprachlichen Hintergrund mit einem Master in Management & Leadership, den er im März 2026 abschloss.
 


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